Bekenntnisse eines besorgten Krisenmanagers

Erschienen in: Erlanger Nachrichten vom 23. September 2010

Der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat vor 400 Gästen sein neues Buch vorgestellt

Rund 400 Bürger wollten Peer Steinbrück hören und sehen. Der ehemalige Bundesfinanzminister hat sein
neues Buch „Unterm Strich" in der Buchhandlung Rupprecht vorgestellt: pointiert und unterhaltsam..

ERLANGEN - Die Frage kommt Peer Steinbrück ganz gelegen. Ob er sich denn vorstellen könne, auch
höhere Aufgaben als Bundestagsabgeordneter zu übernehmen, will eine Frau wissen. Die Frage sei „Sprengstoff",
kokettiert Steinbrück und lacht die Frau an.


Um die nächste Kanzlerkandidatur der SPD geht es natürlich. „Da hält man tunlichst den Mund", antwortet
Steinbrück scheinbar bescheiden, um dann doch zu sagen, er schließe nicht aus, „zeitlich begrenzte" Aufgaben zu
übernehmen. Aber jetzt sei es „zu früh", darüber zu reden.

 

Peer Steinbrück stellt in der Buchhandlung Rupprecht sein neues Buch „Unterm Strich" vor.

Durch Deutschland tourt er gerade, in das Goldene Buch des Landkreises hat er sich beim Genossen

Eberhard Irlinger eingetragen. Und gestern stand nach Erlangen die bayerische Landeshauptstadt München

auf dem Programm.

Steinbrück zieht viele Leute an. Rund 400 - die Mehrheit ist über 50 Jahre alt - sind gekommen. Sie wollen
hören, was er zu sagen hat, der ehemalige Finanzminister, von dem viele behaupten, er habe mit seiner Kompetenz
mitentscheidend dafür gesorgt, dass Deutschland während der Bankenkrise nicht in den Abgrund
stürzte. Das Konzept des Abends ist gut.

 

Steinbrück liest nicht aus seinem Buch vor - einem Tagebuch der Finanzkrise und neben anderem auch
eine Analyse der Finanzmärkte. Er antwortet auf Stichworte, die ihm der SZ-Redakteur Andreas Zielcke gekonnt
zuspielt. Der noch bekanntere SZ-Reporter Hans Leyendecker konnte aus privaten Gründen den Termin
in Erlangen nicht wahrnehmen. Zielcke ist für den Kollegen eingesprungen. Er macht keinen Hehl
daraus, dass er Steinbrück schätzt.

 

Steinbrück bringt seine Botschaft klar rüber, er redet ohne Satzbrüche, leicht verständlich. Die Gefahr einer
neuen Finanzkrise ist seiner Meinung nach noch nicht gebannt. Etliche Regelungen seien zwar getroffen worden,
aber in dieser Richtung sei noch einiges zu tun. Realisieren ließen sich verbindliche Vorschriften allerdings nur
auf internationaler Ebene: „Das kann keine nationale Regierung schaffen".

 

Steinbrück ist ein vehementer Verfechter Europas. Immer wieder betont er, dass es in Deutschlands eigenem
Interesse liege, dass es den Nachbarländern wirtschaftlich gut gehe, selbst wenn Deutschland Netto-Beitragszahler
sei. Und Steinbrück verteidigt den Sozialstaat, den er aber „im Schraubstock" sieht, einmal durch
die demographische Entwicklung („Wir werden alle älter") und durch falsche Erwartungen. Durch „Maximalisten",
die den Sozialstaat überforderten, und durch „Minimalisten", denen der Sozialstaat nur Ballast sei.
Der Sozialstaat - so Steinbrück - könnte den Bürgern aber nur helfen gegen die Risiken Krankheit, Pflege
und Arbeitslosigkeit.

 

Am Ende des Abends, es ist schon fast 22.30 Uhr, signiert Peer Steinbrück seine Bücher.

„Das war ein gelungener Abend", sagt eine Seniorin im Hinausgehen.                           RALF H. KOHLSCHREIBER

Peer Steinbrück und Andreas Zielcke zu Gast in der Buchhandlung Rupprecht Erlangen

Maria Rupprecht stellt Peer Steinbrück in ihrer Buchhandlung vor. Neben Steinbrück der Fragesteller und SZ-Redakteur Andreas Zielcke. Foto: Bernd Böhner

 
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Nürnberger Zeitung vom 23. September 2010