Fernsehen mit Folgen
Hirnforscher Spitzer warnt vor Schäden bei Kindern
VON DIETER SCHWAB
Über Fernseher und Computer hat der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer eine klare Meinung:
Kindern und Jugendlichen schaden sie.
ERLANGEN - Fünf Kinder hat Manfred Spitzer durch das Gymnasium gebracht - und die damit verbundenen
Erfahrungen ließen ihn häufig staunen. Einmal, nur zum Beispiel, wurde das Referat eines Sohnes
schlechter bewertet, weil die erwartete Powerpoint-Präsentation fehlte. Dabei hat die US-Raumfahrtbehörde
Nasa diese Art des Darstellens gerade abgeschafft: Sie verführt zu so flüchtiger Wahrnehmung, dass deshalb ein
gravierendes Problem am Hitzeschild eines Shuttles übersehen wurde.
Denn eines von Spitzers Spezialgebieten ist die menschliche Wahrnehmung; der Professor, Hirnforscher
und Psychiater hat, und das ist außergewöhnlich für seinen Beruf, eine bemerkenswert große Fangemeinde:
Aus familiärer und beruflicher Beschäftigung mit dem Lernen entstand eine Reihe von Büchern, die ihn
bundesweit bekannt machte. Bei seinen Auftritten hat er volle Räume - so auch in der Erlanger Buchhandlung
Rupprecht, in der er sein neuestes Werk vorstellt.
Warnt vor Computern in der Schule: Manfred Spitzer. Foto: oh
Wirtschaftliche Auswirkungen
Spitzer gibt sich eher pessimistisch. „Unser Gehirn ist für die Fernsehbildung nicht gemacht", sagt der Leiter
der Klinik für Psychiatrie an der Universität Ulm. Und weil Kinder trotzdem im Durchschnitt anderthalbmal
so lang vor dem Bildschirm als in der Schule sitzen, guckt er skeptisch in die Zukunft: Wirtschaftlicher Erfolg
ist von Bildung abhängig, sagt er. Sie droht zu sinken - und deshalb könnten Westeuropäer in 30 Jahren
T-Shirts für die Chinesen nähen müssen.
Spitzer kann diese Provokation gut begründen: Das Gehirn besteht aus vielen Milliarden Gehirnzellen, die
sich durch schier unzählige Synapsen verschalten. Dieses Lernen müssen sich Kinder und Jugendliche allerdings
hart erarbeiten: Immer wieder müssen Impulse über diese Verknüpfungen laufen, damit sie sich ausprägen.
Das bedeutet: lesen, schreiben, einen Gedanken immer wieder wenden, bis er sich verfestigt hat. Oder:
Selber denken macht schlau.
Das geht vor dem Fernseher natürlich nicht, und auch der Computer ist außen vor: „Das Ergebnis heißt digitale
Demenz." Und Spitzer kennt Hunderte von Studien, mit denen er seine Kernthese belegt. Eine davon hat sich
mit dem TV-Konsum von Babys und Kleinkindern beschäftigt, und Spitzer resümiert sie so: „Das schadet richtig,
richtig heftig." Denn schon ab dem siebten Lebensmonat beginnt das Erlernen der Grammatik. Damit das
funktioniert, müssen sich die Lippen beim Sprecher auf Millisekunden genau zum Ton bewegen - das aber
geschieht auf dem Bildschirm häufig nicht. Ergebnis: „Die Kleinen lernen einfach nichts."
Ebenso kritisch geht Spitzer mit Spielekonsolen um: Wenn Schüler eine geschenkt bekommen, verschlechtern
sie sich in den folgenden Monaten beim Lesen und machen keine Fortschritte mehr beim Schreiben.
Fazit des Gehirnforschers: „Wenn Sie Schulprobleme verschenken wollen, verschenken Sie eine Playstation."
Seine Schlussfolgerungen sind radikal: Computer sind schädlich. „In der Schule brauchen Sie Bücher und gute
Lehrer - sonst nichts."

Manfred Spitzer: Medizin für die
Bildung: Ein Weg aus der Krise.
19,95 Euro.