Provokation statt Schwächung durch Trauer

 

Erinnerungen an die DDR: Bürgerrechtler Joachim Gauck las in Erlangen -

Starkes Plädoyer für die Freiheit

 

VON A. LÖFFLER

Zeitungsbericht erschienen in: Erlanger Nachrichten vom 7. Februar 2011 

Es ist ein sehr persönliches Buch, ein großes Plädoyer für Freiheit
und Demokratie, geschrieben vom ersten Bundesbeauftragten für
die Unterlagen der Staatssicherheit. Zu Tränen gerührt war deshalb
so mancher der über 400 Zuhörer in der Buchhandlung Rupprecht,
als Joachim Gauck aus „Winter im Sommer - Frühling im Herbst" las.

ERLANGEN - Lampenfieber sei ihm immer fremd gewesen, sagt Joachim Gauck und
erklärt: „Ich bin ein ziemlich selbstbewusster Mensch." Als ehemaliger Pfarrer sei er daran
gewöhnt, vor Publikum zu sprechen. Dennoch rühre es ihn bis heute an, aus seinem Buch zu
lesen, gesteht der 71-Jährige. So groß sei die lange verdrängte Trauer über die Ausreise seiner
Kinder aus der DDR gewesen, dass er zunächst gar nicht darüber schreiben konnte. Erst
mit Hilfe der freien Publizistin Helga Hirsch sei das 352 Seiten starke Werk 2009 fertig geworden.

 

„Am Heiligen Abend 1987 fehlten zwei Kinder, zwei Schwiegertöchter, drei Enkelkinder - sieben der uns
liebsten Menschen waren fort", brachte Gauck mehr als 20 Jahre später zu Papier. Einerseits konnte er
seine Söhne verstehen, andererseits fiel es ihm schwer zu akzeptieren, dass sie nicht länger wie er den Weg
des leisen Widerstands gehen wollten: „Ich wünschte mir, sie würden bleiben. . . Sie gehören doch zu uns, . . . zu
denen, die nicht fliehen, sondern stehen, zu denen, die noch hoffen, wenn unsere Hoffnungen schwinden." 

Der aus der ehemaligen DDR stammende Bürgerrechtler Joachim Gauck signierte seine Biografie „Winter im Sommer -Frühling im Herbst"

in der Erlanger Buchhandlung Rupprecht auch für Bürgermeisterin Elisabeth Preuß (li.) und OB Siegfried Balleis.        Foto: Bernd Böhner

Gauck strahlt Ruhe und Sicherheit aus, seine Füße stehen fest auf dem Boden, die Ellenbogen hat er vor sich

auf den Tisch gestützt, das Buch mit beiden Händen umfasst. Er spricht 110 Minuten, liest einzelne Passagen
aus dem mit dem Geschwister-Scholl-Preis prämierten Band und gerät dabei immer wieder ins Erzählen und
Erklären. Viele junge Menschen könnten heute mit dem Namen Stalin nichts mehr anfangen, hat der Autor
festgestellt. „Wisst Ihr nicht, dass das der Typ ist, der sich jeden Tag in der Hölle mit Hitler darüber streitet, wer
mehr Menschen umgebracht hat?", frage er die Unkundigen dann.

 

„Es gibt doch eine Pflicht, als Europäer zu wissen, was Europa gestaltet und verunstaltet hat", konstatiert
Gauck, der sich 2010 für die Wahl zum Bundespräsidenten zur Verfügung gestellt hat. Seine Geschichte
habe ihn früh zu einem politischen Menschen gemacht: „Ich konnte mit elf Jahren die Abholung meines
Vaters nicht verschweigen", erinnert sich Gauck, dessen Vater von einem sowjetischen Militärtribunal zu zwei
Mal 25 Jahren in einem sibirischen Gulag verurteilt worden war.

 

 Das Erreichbare überhöhen

 

„Ich habe in sehr jungen Jahren schon geblickt, dass das Diktatur ist", resümiert der gebürtige Rostocker.
Wie er sich mit dem System arrangiert hat, beschreibt er in seinem Buch: „Wir überhöhten das Erreichbare, um
die Trauer über das Unerreichbare nicht zu verspüren." In persönlichen Gesprächen habe er sich gerne stark
gegeben. „Statt mich durch Selbstmitleid oder Trauer schwächen zu lassen, setze ich auf Provokation", heißt es im
Kapitel „Gehen oder Bleiben", das einer Frage gewidmet ist, die viele DDR-Bürger umgetrieben hat; setzte
sich zwischen 1949 und 1989 doch jeder Fünfte von ihnen ab.

 

So ist „Winter im Sommer - Frühling im Herbst" eine aufrüttelnde Mischung aus Informationen, Erinnerungen,
Zitaten, Briefen und anderen zeitgenössischen Dokumenten, die das Trauma der deutschen Teilung eindrucksvoll
dokumentiert. Über allem steht dabei das hohe Gut der Freiheit, deren Vorzüge zu schätzen so viele im
Westen verlernt hätten, bedauert Gauck. „Aber ich werde mich erinnern.. . Es kann nicht anders sein: Sie
wird mir immer leuchten."